Interview mit Turit Fröbe

von | 21.03.2016 | Interview, Projekt | 0 Kommentare

SpielRaumStadt: Zusammen mit Kindern spielerisch Baukultur erleben

Am 18. März machte mich Georg Pohl auf das Projekt SpielRaumStadt von Turit Fröbe und Kirsten Winderlich aufmerksam: In einem experimentellen Seminar an der Universität der Künste (UdK) in Berlin hatte das Team rund um die beiden Frauen in Kleingruppen mit knapp 100 Grundschülern im Stadtraum gearbeitet. Sie hatten sich unter anderem gefragt, wie man Kinder in dieser Altersgruppe für Architektur und gebauten Raum sensibilisieren kann.

Ortsbegehung_Kinder_SpielRaumStadt
Das machte mich neugierig. Denn im Juni 2014 hatte ich gemeinschaftlich mit der mehrfach ausgezeichneten Künstlerin Karin Bergdolt als touristische Spaziergängerin und ortskundigen Grundschulkindern an drei Vormittagen die Mettmanner Innenstadt durchgestreift. Damals fiel mir sofort auf, wie intensiv die Kinder die Umgebung und Gebäude wahrgenommen hatten. Als Endprodukt entstand ein ganz besonderer Stadtplan „Unsere Lieblingsorte“. Die Projektdokumentation war ein großformatiger Geburtstagskalender.

Das Endprodukt beim SpielRaumStadt-Projekt hingegen ist ein Buch, in dem Beobachtungen, Erlebnisse und Anregungen aus der Zusammenarbeit mit den Berliner Kindern dokumentiert werden. Außerdem ist ein 21-teiliges Spielkarten-Set Teil der Publikation. Es soll dazu beitragen, dass die Aufmerksamkeit für Architektur und Stadtraum spielerisch-forschend gestärkt wird.
Ein Stadtforscherheft, in dem die Kinder ihre Entdeckungen und Beobachtungen dokumentieren und sammeln können, gehört ebenfalls dazu.

WOW – das klingt richtig spannend. Ich schrieb Turit Fröbe an und sie stellte sich ohne zu zögern für das nachfolgende Interview zur Verfügung.  

INTERVIEW

Liebe Turit Fröbe, danke sehr, dass Sie sich stellvertretend für das Projektteam beim Start der Finanzierungsphase des Crowdfundings auf startnext Zeit für dieses Interview nehmen. Los geht’s.

Zur Projektidee: Ihr wollt Lehrern aber auch Eltern, die selbst wenig oder gar kein Vorwissen im Bereich der Architektur und des Städtebaus haben, ermöglichen, ihren Kindern einen Zugang zur Baukultur zu eröffnen. Wie macht ihr das?

Wir haben offene Fragestellungen entwickelt, die es möglich machen, mit Kindern über Architektur und Stadtraum zu sprechen und zu philosophieren. Diese Fragestellungen erfordern überhaupt kein Vorwissen, da die Kinder ja schon ein sehr großes Wissen über Architektur mitbringen. Wir haben sie über das Alter von Gebäuden spekulieren lassen, über Bautypen und Funktionen, haben sie entdecken lassen, wie sich die unterschiedlichen Gebäude zueinander verhalten.

Uns ist wichtig, dass Baukultur Eingang in den Schulalltag findet. Fast alle Vermittlungsprojekte in dem Bereich werden bisher von außen an die Schulen herangetragen und werden in Form von AGS oder Projektwochen durchgeführt. Unser Konzept zielt darauf ab, die Wahrnehmung der Kinder nachhaltig zu verändern und einen Blick für Architektur und gebauten Raum zu entwickeln.

Mit dem Projekt wollt ihr vor allem bei Kindern ein Bewusstsein dafür erzeugen, dass alles, was sich im gebauten Raum befindet, irgendwann geplant und gestaltet wurde. Warum ist das sinnvoll und wichtig?

Wir setzen ganz bewusst an der städtebaulichen Realität an. Wir betrachten mit den Kindern keine Sehenswürdigkeiten, sondern haben zusammen mit ihnen das unmittelbare Umfeld der Schulen unter die Lupe genommen. Wir gehen davon aus, dass sich überall übersehene „Würdigkeiten“ und verborgene urbane Qualitäten finden, die es lohnt zu entdecken. Wir haben uns nicht nur das Herausragende und Besondere, sondern auch das auf den ersten Blick banal und alltäglich Erscheinende, genau betrachtet. Uns ist wichtig, dass die Kinder ein Gefühl dafür entwickeln, dass sich bei allem, was im gebauten Raum herumsteht, irgendjemand etwas dabei gedacht hat. Und meistens ist es so, dass man es auch erkennen kann, was derjenige sich dabei gedacht hat – man muss nur hinsehen!

Uns ist es wichtig, das unspektakuläre Normale, die anonyme Alltagsarchitektur mit einzubeziehen, weil sich genau dadurch der Blick schulen lässt. Erst wenn man ein Gefühl für das „Normale“ entwickelt hat, kann man beurteilen, wenn etwas eine andere, bessere Qualität hat. Und da wollen wir ja hinkommen!

Karten_SpielRaumStadt

Was hat euch am meisten Spaß gemacht, als ihr die Spielkarten entwickelt habt?  

Das Entwickeln der Spielkarten hat extrem viel Spaß gemacht, weil die Studierenden vorher bereits selbst einschlägige Erfahrungen gemacht haben. Bevor das Seminar losging, haben meine Kollegin, Kirsten Winderlich, und ich, die Studierenden einen Monat lang selbst mit einem eigens für diesen Zweck entwickelten Kartenspiel spielen lassen. Wir wollten sie in einen Stadtendecker- und Spielmodus versetzen und dazu bringen, die Stadt bzw. ihre Alltagsumgebung unter anderen Vorzeichen zu sehen, als sie es sonst tun. Das Spiel hat uns auf diese Weise auch sehr über die Fachgrenzen hinweg geholfen – das Team besteht ja aus angehenden Architekten und Studierenden des künstlerischen Lehramtes. Die Aufgaben und Fragestellungen, mit denen die Studierenden im Kartenspiel konfrontiert waren, waren für alle fremd. Sie mussten zufällig entstandene Kunstwerke dokumentieren, hässliche Gebäude so lange ansehen, bis sie sie schön fanden, oder einfach einen anderen Weg gehen als sonst und dabei ihre Beobachtungen und Erlebnisse dokumentieren… Mit diesen Erfahrungen im Hinterkopf haben wir schließlich die Spielkarten für die Kinder entwickelt.

Um die Karten einsetzen zu können: Gibt es Mindestanforderungen an die Stadtgröße bzw. für welche Städte eignen sich die Karten am besten oder geht das eigentlich nur in Metropolen wie in Berlin?

Nein, es gibt keine Mindestanforderung. Das Spiel funktioniert überall im gebauten Raum – es funktioniert in der Großstadt genauso wie auf dem Dorf, in der dicht bebauten Innenstadt geauso wie in der Einfamilienhaussiedlung am Stadtrand. Es geht einfach darum, die Wahrnehmung zu schärfen  und überhaupt hinzusehen!

Das Projekt war angesiedelt an der grund_schule der künste unter dem Dach der UdK, die an der Schnittstelle zwischen Schule, Universität und Kulturinstitutionen steht. Inwieweit trägt dieser außergewöhnliche Lernraum zur Einmaligkeit und Qualität des Projektes bei?

Die grund_schule der künste ist ein außergewöhnlicher Lernort, an dem Schülern und ihre Lehrer, sowie Studierende und ihre Dozenten gemeinsam lernen – eine Haltung, die für unser Projekt ganz maßgeblich bestimmend war. Wir sind vom Eigensinn und vom Wissen der Kinder ausgegangen und haben Impulse entwickelt, mit denen Bildungsprozesse angestoßen werden können. An der grund_schue der künste ist diese Haltung nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Besprechung_Kinder_SpielRaumStadt

Was waren während der Zusammenarbeit und der Produktentwicklungsphase die größten Herausforderungen?

Wir mussten unser Wissen, das wir über Architektur und Stadt haben, komplett außen vor lassen, was gar nicht so einfach war. Wir wollten unter keinen Umständen die Kinder informieren und belehren – es ging uns darum, offene Fragestellungen zu entwickeln, mit denen ein Gespräch über Architektur und Stadtraum möglich wird. Wir haben uns herantasten müssen – bei den ersten Versuchen war es so, dass wir tolle Architekturbetrachtungen hinbekommen haben, aber die Kurve nicht bekommen haben hin zu einer übergeordneten städtebaulichen Betrachtung. Nachdem wir dran „geschraubt“ haben, hat die städtebauliche Betrachtung wunderbar funktioniert, aber wir kamen nicht mehr in die Einzelbetrachtung. Bis wir unsere Fragen so austariert hatten, dass beide Komponenten im Gleichgewicht waren, hat es gedauert. Und wir mussten zum Teil natürlich auch Erfahrungen sammeln in der Arbeit mit Kindergruppen.

Beitragsbild_SpielRaumStadt

In der Begründung, warum man dieses Projekt unterstützen sollte, schreibt ihr, dass das Thema Baukultur stärker in der Gesellschaft verankert werden muss, damit wir langfristig zu einer besseren Qualität von Architektur und zu bürgernäheren Planungsprozessen gelangen. Als Moderatorin für Kinder- und Jugendbeteiligung kann ich ein Lied davon singen, dass Bürger, und vor allem Kinder und Jugendliche, oftmals nicht in Planungsprozesse mit einbezogen werden. Inwiefern kann dieses Projekt  dazu beitragen, das Thema Mitbestimmung von Kindern in der Stadtplanung voranzutreiben?

Schön wäre es, wenn unser Projekt auch dazu beitragen würde, dass sich langfristig die Haltung, mit der Partizipationsverfahren mit Kindern durchgeführt werden, ändert. Ich habe den Eindruck, dass in der der gegenwärtigen Planungspraxis mit ihren standardisierten Verfahren die Kinder häufig als Alibi benutzt werden. Die Bereitschaft, sich mit offenen Fragen auf die Perspektive des Kindes einzulassen, erscheint mir bisher kaum gegeben.

Was braucht ihr derzeit von den Menschen, die diesen Blogbeitrag lesen?

Wir können jede Form der Unterstützung gebrauchen – finanzielle aber auch ideelle! Wir haben eine ehrgeizige Fundingschwelle in Höhe von 7.500 Euro angegeben. Es hilft uns, wenn der Link weitergegeben wird und die Idee Verbreitung findet!

LIEBLINGSSPIELORTE 

Wo haben Sie als Kind am liebsten gespielt?

Am Bach im Wäldchen.

Und wo(mit) spielen Sie aktuell am liebsten?

Ich jongliere – am liebsten mit Keulen im Park, zur Not aber auch in der Wohnung mit Bällen.

Liebe Turit Fröbe, vielen Dank für das aufschlussreiche Interview. Jan Gehl, der heute als einer der einflussreichsten Stadtplaner der Welt gilt, hat 2014 in einem Interview mit Brandeins auf die Frage „Was müssen Architekten und Stadtplaner tun, um die Menschen wieder auf die Straßen zu bringen?“ geantwortet: „Sie sollten ihre Häuser und Städte für Menschen planen.“ Ich bin davon überzeugt, dass euer Projekt dazu dienen kann, den menschlichen Maßstab bei Architektur und Städtebau wieder mehr in den Fokus zu rücken, vor allem auch deswegen, da ihr die Kinder miteinbezogen habt. Sie sind sehr aufmerksame Beobachter mit unverfälschtem Blick auf die Dinge. Ich jedenfalls bin schon mal ein großer Fan von eurem Projekt und wünsche euch viel Erfolg!   

Update 19. Dezember 2016:
Ab sofort kann SpielRaumStadt als Buch, Kartenset und Stadtforscherheft im Althena-Verlag bestellt werden!

Fotonachweis:

SpielRaumStadt

LINKS

www.startnext.com/spielraumstadt

www.facebook.com/spielraumstadt

 

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Hinweise

 

Mir ist es wichtig, dass das Persönlichkeitsrecht Einzelner nicht verletzt wird. Insofern sollten auf deinem Foto außer dir andere Menschen nur von weitem zu sehen sein.

Denn nach dem so genannten "Bildnisrecht" ist es zwar erlaubt, Personen als "Beiwerk" einer Landschaft oder einer sonstigen Örtlichkeit (also z. B. auch eines Spielplatzes) abzulichten.

Um das Persönlichkeitsrecht Einzelner nicht zu verletzen, ist es also wichtig, dass du nicht "gezielt" fremde Menschen (Großaufnahme) fotografierst. Menschen aus der Ferne sind okay, solange sie nicht zu erkennen sind. Ausführlich nachzulesen ist diese gesetzliche Regelung im deutschen Kunsturhebergesetz, hier vor allem §22 + §23 KUG.

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