Wem gehört die Welt?

von | 06.07.2016 | Interview, Projekt, STARTSEITE | 0 Kommentare

Interview mit Max-Josef Schuster

Anfang 2015 erhielt ich ein Schreiben, in dem ich eingeladen wurde, eine Frage zum Thema „Glaube und Wissen(schaften): Wem gehört die Welt?“ für eine Kunstaktion mit Domino-Steinen auf dem Nürnberger Jakobsplatz am 27. Juni 2015 einzureichen. Veranstalter ist die Katholische Erwachsenenbildung Stadtbildungswerk Nürnberg e.V. in Kooperation mit der Künstlerin Karin Bergdolt.

Erst einmal: Huch!?! Katholische Erwachsenenbildung Stadtbildungswerk und ein spielerisches Projekt? Ähäm, naja, katholische Kirche und spielerisch? Ich war zugegebenermaßen sehr überrascht und neugierig zugleich. Aber da ich Karin schon seit vielen Jahren kenne und sehr schätze, ließ ich mich auf das Schreiben ein und schenkte dem Projekt eine Frage*. 

Um was genau geht es denn bei diesem spielerischen künstlerischen Bildungsprojekt, das auf weitere „Einsätze“ in anderen Städten wartet**?

Max-Josef Schuster, Diplomtheologe und Projektreferent der Katholischen Erwachsenenbildung im Erzbistum Bamberg, war bei „Wem gehört die Welt?“ verantwortlich für die organisatorische Projektleitung. Ich habe ihm ein paar Fragen zum Aktionstag in Nürnberg gestellt.   

INTERVIEW

Lieber Herr Schuster, einmal angenommen, Sie treffen jemandem im Fahrstuhl: Wie erklären Sie dieses außergewöhnliche Projekt in der Kürze der Zeit? 

Foto: S. Walter

„Glaube und Wissen“ und „Glaube und Wissenschaften“ ist ja für viele Leute auf den ersten Blick ein sehr schweres Thema. Ein Thema, bei dem man Expert*innen braucht, die  Vorträge halten.

Die Idee des Projekts ist, dieses Thema auf eine ganz andere Art und Weise anzupacken, indem man alle beteiligt, die sich beteiligen wollen. Deshalb: Raus auf die Straße, spielen und Körperlichkeit; also, Dinge in die Hand nehmen können. Das ist ja auch im übertragenem Sinn zu verstehen: Ich nehme die Dinge selbst in die Hand, ich  lange selbst hin bei den Fragen und Antworten.

Die Künstlerin Karin Bergdolt hat die Frage gestellt: „Wem gehört die Welt?“ und dadurch die gesellschaftspolitische Dimension des Themas deutlich gemacht. Deshalb kann man es nicht allein den Expert*innen überlassen, sondern alle haben dazu etwas zu sagen; deshalb auch das Spiel „Domino“, bei dem Fragen auf den einzelnen Domino-Steinen stehen – und KEINE Antworten.

Das ist eine ungewohnte Präsentationsform von Kirche: Sie stellt Fragen – und zwar ECHTE Fragen – auf die die Antworten nicht klar sind, und lädt damit ein zu einem ergebnisoffenen Gespräch. Das würde ich jetzt mal in aller Kürze sagen und weiß nicht, ob der Fahrstuhl schon angekommen ist (lacht).

Ja, danke, er ist angekommen :o)! Für Sie ganz persönlich: Was war bzw. ist denn das Besondere an diesem Projekt?

Für mich persönlich war das Besondere die Erfahrung, wie gut es ist, Kontrolle loszulassen und nicht der Illusion zu erliegen, alles planen zu können, um dann auch alles unter Kontrolle zu haben. Ich denke, so funktioniert Spiel sowieso nicht.

Aber beim Thema Bildung ist immer die Gefahr, dass man sagt: WIR planen eine Bildungsveranstaltung und WIR wissen, was WIR vermitteln wollen und WIR schauen, dass WIR das möglichst gut machen und WIR haben eine Botschaft usw. Und dann findet genau das statt.

Ich glaube, in einem geschützten kirchlichen Raum kann man leicht dieser Illusion erliegen, dass man das wirklich kontrollieren kann. Kann aber nicht, denn man weiß ja gar nicht, was bei den Leuten ankommt, ob die nur schlafen, wenn der Vortrag läuft und dann nach Hause gehen und sagen „Schön war’s – und ich hab‘ echt gut geschlafen.“ 

Im öffentlichen Raum jedoch haben wir gemerkt, dass es das Entscheidende ist, loszulassen und den Leuten IHREN Raum und die Freiheit zu geben und zu sagen: „Macht das draus, was IHR wollt.“

Foto: WGDW

Außerdem habe ich an dem Aktionstag ganz viele Überraschungen erlebt und bereichernde Erfahrungen gemacht.

Beides geht eigentlich nur dann, wenn man loslässt und die Einstellung hat: Es ist so, wie es jetzt ist.

Die Veranstaltung selbst fing nämlich bei strömendem Regen an. Also, wirklich, es hat unglaublich geschüttet. Wir haben gedacht, wir machen das jetzt und schauen, was ist. Es kann sein, dass es den ganzen Tag durchregnet, dann wird es eben durchregnen. Im Laufe des Tages wurde das Wetter wunderschön. Aber direkt am Anfang zum Einstieg war das wirklich sofort der Punkt: Es ist nicht kontrollierbar!

Gab es außer dieser Regenerfahrung noch eine Begebenheit, eine Begegnung oder eine Situation, die Sie besonders berührt hat, etwas, von dem Sie sagen, damit habe ich aber gar nicht gerechnet?

Ja, ich würde gerne drei davon benennen:

Die Erste war eine ganz irritierende und gleichzeitig auch ernüchternde Erfahrung: Es war Samstagvormittag und wir haben gemerkt, wie schwer sich die Leute ansprechen lassen. Sie kamen von der U-Bahn, von den Straßenbahnen über den Platz in die Stadt gestürmt und hatten einfach keine Zeit oder wollten sich keine Zeit nehmen. Im Laufe des Tages hat sich das dann jedoch verändert.

Zweitens möchte ich zwei Begegnungen schildern, die zusammengehören: Zwei griechische Schülerinnen kamen vorbei. Ich denke, sie waren so fünfzehn bis siebzehn Jahre alt und haben sich die Domino-Steine in aller Ruhe angeschaut. Sie haben gefragt, ob sie auch in das „Buch der Fragen“ schreiben könnten (Anmerkung: In dem „Buch der Fragen“ werden alle Fragen dokumentiert, auch diejenigen, die nicht auf den Dominos abgedruckt sind. Das Buch ist als „work in progress“ angelegt und offen für weitere Einträge: Antworten und Reflexionen, Zeichnungen, Kommentare aller Art und neue Fragen; bewusst über den ersten Aktionstag im Sommer 2015 in Nürnberg hinaus).

Foto: A. Fall

Und natürlich durften sie in das Buch schreiben. Sie haben ihre Frage wirklich mit großer Aufmerksamkeit reingeschrieben, auf griechisch und deutsch, und waren ganz stolz, dass sie darin verewigt sind.

Im Anschluss kamen trinkende Männer vorbei. Wie sich später herausgestellt hat, waren das amerikanische Soldaten auf Europaurlaub in zivil. Und ich habe mir so gedacht: Ach, da kommt jetzt sicher nichts – die üblichen Vorurteile eben. Die Männer sind dann stehengeblieben, haben sich alles so ganz cool angeschaut.  Sie hatten aber noch die Schülerinnen mitbekommen und mich gefragt, was die Beiden in das Buch reingeschrieben hatten. Ich habe versucht, ihren Eintrag ins Englische zu übersetzen. Dabei ging es darum, warum immer noch Tiere so gequält werden.

Die Männer haben daraufhin gefragt, ob sie die Frage beantworten dürften. Sie haben dann in einer ganz tollen Schrift reingeschrieben, dass sie Buddhisten sind und dass sie eben so und so denken. Es war etwas ganz Berührendes und so sind meine Vorurteile plötzlich weggebrochen. Die Männer haben sich von einer ganz anderen Seite gezeigt. Und dadurch war plötzlich so viel Begegnung möglich.

Und die dritte Begegnung, die war am Vormittag, wo es so geregnet hatte. Eine alte, offensichtlich obdachlose und wahrscheinlich alkoholkranke Frau kam vorbei. Sie hatte sich alles angeschaut und schlich um die Domino-Stein herum. Ich habe sie gefragt, ob sie weiß, was das ist. Ich habe es ihr dann erklärt. Weil ich gemerkt habe, dass sie etwas auf dem Herzen hatte, sich aber irgendwie nicht traute, habe ich zu ihr gesagt, sie könne auch gerne etwas mit Kreide auf die Steine schreiben, wenn sie dies wollte. Sie hat lange überlegt und schließlich hat sie die Kreide genommen und wirklich etwas auf die Steine geschrieben. Und da habe ich mir gedacht: Das ist jetzt so etwas, das kann nur im öffentlichen Raum passieren und nicht hinter kirchlichen Mauern, denn da kommt die Frau gar nicht hin. Und das war für mich nochmal so ein Begeisterungsmoment für dieses Projekt, eben diese niedrigschwellige einfache Möglichkeit, dass ALLE mitmachen können.  

Foto: A. Fall

Das Projekt hatte ja im Juni 2015, also vor einem Jahr, Premiere. Und erst jetzt geht es los, dass sich auch andere Menschen für das Projekt interessieren und dass Sie vermehrt Anfragen bekommen, die Domino-Steine auszuleihen. Wie erklären Sie sich die Tatsache,  dass das Projekt seine Zeit brauchte? Ist es, weil es ein neuer Ansatz ist und/oder weil man in gewisser Weise Angst davor hat? Denn letztlich ist es ja schon eine Konfrontation, zwar auf eine sehr spielerische Art und Weise, aber öffentlich und offen.

Ja, ich habe ein paar Hypothesen. Auf Wunsch von Frau Bergdolt haben wir bewusst die Latte hoch gesetzt. Denn wir wollen nicht, dass die Domino-Steine „nur“ zum Pfarrfest als  Kinderbelustigung aufgebaut werden, damit die Kinder irgendetwas mit den Steinen bauen können.

Sondern: Es soll schon ein Bildungsprojekt bleiben!

Insofern vermute ich, dass sich die Leute erst einmal gedanklich sortieren müssen und überlegen, ob sie das Thema WIRKLICH anpacken möchten. Ob sie den Rahmen dafür anbieten können, so dass so ein Aktionstag nicht über sie reinbricht wie ein Meteor von irgendeinem anderen Stern. Denn in der Tat: Bevor man so ein Projekt angeht und einen Aktionstag macht, müssen vorher ganz viele Überlegungen laufen. Zudem glaube ich schon, dass es  – bei allem Spielerischen  – schon ein sehr anspruchsvolles Projekt ist. Das ist uns an dem Tag aufgefallen: Da passiert ganz schön was.

Und ich glaube, genau das spüren die Leute, wenn sie sich die Materialien** anschauen, die wir mitschicken. Es ist für einen Veranstalter nicht ganz ohne, sich dem auszusetzen: Wir machen das jetzt, wir stehen auch dazu und wir halten aus, was auch immer da passiert. Denn ja, wer fragt, bekommt Antworten und wir haben in der Tat teilweise recht deftige Antworten erhalten. Das war auch eine Erfahrung. Da ist die Grenze zwischen Bildung und Seelsorge sehr eng. Das hat man auch nicht mehr unter Kontrolle. Als Beispiel: Eine Kollegin aus der Projektgruppe hat gesagt, sie hat an dem Aktionstag sehr viel Kirchenfrust und -aggression abbekommen. Das hat sich schon gewaschen. Denn die Leute erzählen und sagen Dinge, die man nicht unter Kontrolle hat und die immer verbunden mit persönlichen Lebens- und Leidensgeschichten sind.  

Foto: A. Fall

Letztlich ist das ja immer so bei solchen Projekten: Wir haben alle nicht gewusst, was genau da auf uns zukommt. Und das ist auch gut so, denn sonst hätte man möglicherweise Bedenken haben können. Es entwickelt sich dann, selbst wenn es gut läuft, immer nochmal anders, als man es vorher gedacht hat.  

Was muss man denn daher aus Ihrer Sicht beachten, wenn man die Domino-Steine über Sie ausleiht?

Also wirklich entscheidend ist, dass die Leute, die es ausleihen, das Projekt und den Prozess drum herum wirklich wollen. So möchte ich noch einmal verstärken: Es braucht eine Projektgruppe oder eine Gruppe von Menschen, die bereit sind, an einem halben oder ganzen Tag oder eben in der Zeit, wo das Projekt läuft, präsent zu sein und zwar WIRKLICH präsent. In kirchlichen Kreisen gibt es ja oftmals dieses „Jetzt machen wir das mal und dann stellen wir das hin und dann sehen wir schon“ – also, das geht nicht. Das ist zu wenig.  

Insofern: Die Domino-Steine zum Spielen sind der eine Teil; der zweite Teil sind die Leute, die dann vor Ort sind und sagen: Wir stehen jetzt dafür ein, also im wörtlichen Sinn, und wir lassen uns auf Euch, wer auch immer da jetzt kommt, WIRKLICH ein.

Außerdem ist es ganz wichtig, dass man das Angebot als offenes Bildungsprojekt sieht und nichts Zusätzliches damit verkaufen will.

Das waren auch gute Erfahrungen und  Rückmeldungen, die wir bekommen haben: „Es war gut, dass Ihr uns nicht missioniert und nicht zu irgendetwas bekehren wollt oder dass wir jetzt irgendetwas unterschreiben müssen, dies oder jenes zu machen, sondern das wir WIRKLICH Freiheit haben.“

Und das ist in kirchlichen Kreisen etwas Ungewöhnliches, weil man meistens dann doch einen zusätzlichen Zweck verfolgt. Denn ja, so ein Projekt ist zwar etwas Schönes, aber am Ende wollen wir Mitarbeiterinnen gewinnen oder wollen, dass die Leute in den Gottesdienst gehen oder oder oder…  

Das war ein Lernprozess im Stadtbildungswerk. Und das ist ganz wichtig auch für andere Veranstalter, dass sie darauf verzichten, das Projekt zu Werbezwecken zu nutzen.

Lieber Herr Schuster, vielen, vielen Dank für das offene Telefonat. Offenbar war vor allem das „Man hat keine Kontrolle!“, weder über das Wetter, noch über andere Menschen eine besondere (Lern-)Erfahrung für Sie und Ihr Team. Als Künstlerin kennt Karin Bergdolt dies bereits von ihren Aktionen im öffentlichen Raum und Sie haben durch „Wem gehört die Welt?“ diese wertvolle Erfahrung mit ihr geteilt. Ich wünsche mir sehr, dass sich viele Veranstalter*innen finden, die den Wert dieses einzigartigen Kunstprojektes erkennen und es verantwortungsvoll in die Welt tragen. Denn Freiheit zu lassen, etwas ganz ohne Zweck zu tun, ja, das ist für mich persönlich auch der große Zauber von Spiel.

Wenn Sie mögen, verraten Sie mir gerne noch Ihre Lieblingsspielorte.

LIEBLINGSSPIELORTE

Wo haben Sie als Kind am liebsten gespielt?

Ich war ganz viel draußen in der Natur, habe gebuddelt, gebaut und Indianer gespielt. Fasching war ganz wichtig: mich zu verkleiden und andere Rollen zu spielen …Und bis in die Pubertät hinein habe ich mit großer Begeisterung Modelleisenbahn gespielt. Das war ein technisch kreativer Prozess. Die Landschaft war mindestens genauso wichtig wie die Häuschen und die Schienen. Mit der Modelleisenbahn zu spielen hat auf mich eine ganz starke Faszination ausgeübt. 

Und wo(mit) spielen Sie heute am liebsten?

Ich habe eine ganz starke Affinität zu bildender Kunst. Außerdem spiele ich in einer offenen Musikgruppe, wo sich Leute treffen, die meistens gar kein Instrument spielen können. Auf dieser Basis treffen wir uns einmal im Monat zum Improvisieren. Ich liebe auch das „Ausdrucksspiel aus dem Erleben“ (Jeux Dramatiques). Und ich versuche, wieder zu malen und zu zeichnen. Das hat für mich auch einen ganz starken spielerischen Charakter. Ich bin mittlerweile weggekommen von dem Konzeptionellen, sondern ich fange einfach an, zu malen und zu zeichnen – manchmal auch blind oder mit der linken Hand oder zu Musik –  und schaue was passiert. Also weg von der zielorientierten Rationalität.

Fotonachweise:
K. Bergdolt, A. Fall, S. Walter, WGDW

LINKS

Filmbeitrag über das Projekt 

*Wenn du neugierig auf meine eingereichte Frage bist, dann schreibe mir gerne eine Email. 

** Informationen zu den Ausleihbedingungen unter „Dateien zum Download“

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Hinweise

 

Mir ist es wichtig, dass das Persönlichkeitsrecht Einzelner nicht verletzt wird. Insofern sollten auf deinem Foto außer dir andere Menschen nur von weitem zu sehen sein.

Denn nach dem so genannten "Bildnisrecht" ist es zwar erlaubt, Personen als "Beiwerk" einer Landschaft oder einer sonstigen Örtlichkeit (also z. B. auch eines Spielplatzes) abzulichten.

Um das Persönlichkeitsrecht Einzelner nicht zu verletzen, ist es also wichtig, dass du nicht "gezielt" fremde Menschen (Großaufnahme) fotografierst. Menschen aus der Ferne sind okay, solange sie nicht zu erkennen sind. Ausführlich nachzulesen ist diese gesetzliche Regelung im deutschen Kunsturhebergesetz, hier vor allem §22 + §23 KUG.

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